CHRISTINE KÜHN-SCHIERHOLZ

*1957 in Lotte bei Osnabrück. Sie lebt seit 2007 in Norden /Norddeich und vermietet dort Ferienwohnungen. Weil sie Sprachen liebt, hat sie  Plattdeutsch gelernt und schreibt für den Ostfriesischen Kurier unter der Rubrik „Dit un Dat“. Ihre hochdeutschen Kurzgeschichten und Gedichte wurden in Anthologien veröffentlicht. 2012 hat sie ein künstlerisch gestaltetes Heft herausgegeben. Es hat den Titel „En bedröövt Dag“ und kann unter der Telefonnummer 04931 – 81430 bestellt werden. Sie ist Gündungsmitglied des Schreibtreffs im Norder Mehrgenerationenhaus.



Textproben

 

Ein altes Fotoalbum erzählt

Ich hatte schon einige Zeit im Regal gestanden, als mich eine junge Frau herauszog, prüfend mit der Hand über meinen blauen Ledereinband fuhr, blätterte und nach dem Preis schaute. Sie schien mit mir zufrieden zu sein, denn sie trug mich zur Kasse und bezahlte. Dann steckte sie mich in eine braune Einkaufstasche, die aber so klein war, dass ich oben hinausschauen konnte. Die junge Frau lief mit mir noch eine ganze Zeit durch die Läden und langsam wurde es eng in der Tasche. Ein Paar Socken, Unterwäsche und eine Kaffeemühle waren dazugekommen. Die junge Frau achtete sorgfältig darauf, dass ich von weichen Stoffen umgeben war und nicht zu Schaden kam.

Im Bus nahm sie mich in ihrer Tasche auf den Schoß und wir rüttelten vorbei an mehrgeschossigen Häusern, auch an zerbombten Häusern, dann an Mietshäusern für Arbeiter bis wir schließlich in einen Ort mit freien Feldern und neu erbauten Häusern kamen. In eines dieser Häuser brachte mich meine neue Besitzerin und legte mich in ihren dunklen Wohnzimmerschrank, wo ich erst einmal einige Tage ruhte. Am Sonntag dann holte die junge Frau mich heraus und klebte ihre Hochzeitsbilder hinein.

Später folgten Fotos aus früheren Jahren, die sie geschenkt bekommen hatte. Dann kamen weitere Hochzeitsbilder von Verwandten. Es folgten Bilder von Freundinnen und Freunden, schließlich Kinderbilder. In der Woche ruhte ich immer in dem Schrank. Am Sonntag wurde ich vorsichtig herausgeholt. Meine Bilder wurden angeschaut. Der junge Mann weinte, wenn er das Foto, auf dem sein verstorbener Vater zu sehen war, anschaute. Er weinte auch, wenn er die Wellblechhütte, in der er mit seiner Familie nach dem Krieg wohnte, betrachtete.

Als die Kinder klein waren, durften sie mich nicht anfassen. Die junge Frau, die nun Mutter war, blätterte die Seiten um und die Kinder durften darauf schauen. Nun nahm ich Bilder vom Häuserbauen und von Ausflügen auf. Waren alle Fotos zunächst in edlen Grautönen gehalten, so kamen nun Farben dazu. Meine Welt wurde bunter und lockerer. Als die Kinder älter wurden, nahmen sie mich nicht nur in die Hand. Die Mutter erlaubte sogar, dass sie vorsichtig Fotos entnahmen. Sie setzte dann an den gleichen Stellen andere Bilder ein, so dass ich immer noch schön aussah. Ich bekam jetzt Bilder von Autos und Urlaubsreisen, aber auch von Beerdigungen.

Dann kam eine Zeit, in der ich immer länger im Schrank lag. Nur gelegentlich holten mich der Mann und die Frau, die nun nicht mehr so jung waren, hervor und zeigten mich Verwandten und Freunden. Manche hatten wohl wenig Achtung vor mir, denn sie zerrten Fotos aus mir heraus und beschädigten die Oberfläche meiner Blätter. Zwar versprachen sie die Fotos zurückzugeben. Aber die vielen hässlichen Lücken zeigen, dass sie ihre Versprechen oft nicht einhielten.

Schließlich schien das Interesse an mir verloren gegangen zu sein. Jahrelang lag ich nun im Schrank. Nach endlos langer Zeit wurde ich wieder hervorgeholt. Wieder packte mich eine Frau in eine Tasche. Sie kannte mich gut, denn sie war eines der Kinder gewesen, die mich angeschaut und mir später mit und ohne Zustimmung der Mutter Bilder entnommen hatten. Sie packte mich aber nicht in ihre eigene Tasche sondern in die des inzwischen alten Mannes. Sie wusste schon, warum sie es tat. Sein ganzes Leben steckte in mir.

Ich kam auf meine zweite Reise, obwohl ich doch auch schon alt und etwas gebrechlich war. Diesmal war die Tasche viel größer aber so voll, dass ich gar nicht mehr hineinpasste. Die Frau legte mich einfach obenauf. Mit der Tasche stellte sie mich auf dem Rücksitz eines Autos ab. Aus dem Fenster blickend sah ich, dass nun überall Häuser waren. Ruinen gab es nicht mehr. Das Auto sauste viel schneller als der Bus. Das Land wurde immer flacher. Schließlich sah man selten Bäume, dafür aber mehr Wasser und saftig grüne Wiesen. Der blaue Himmel schien höher zu sein als der in meiner bisherigen Heimat. Strahlend weiße Wolkenhaufen  zogen auf ihm dahin. Die Fahrt dauerte sehr lange.

Aber sie hatte sich gelohnt. Ich fand wieder Beachtung. Die nun erwachsenen Kinder und ihre Ehemänner schauten mich an. Ich bekam auch neue Bilder, sogar solche, die von einem Kind gemalt worden waren, auch weitere bunte Fotos. Aber niemand klebte diese Bilder so sorgfältig und liebevoll ein wie die damals junge Frau. Die Bilder wurden einfach in mich hineingelegt. Der alte Mann blätterte wieder in meinen Seiten und zeigte mich seinen Enkelkindern. Wenn er das Bild seines verstorbenen Vaters und die alte Wellblechhütte sah, weinte er immer noch. Aber meist freute er sich, mit meiner Hilfe aus seinem Leben erzählen zu können und dann lachte der mürrische Alte sogar.

Diese schöne Zeit dauerte aber nicht sehr lange. Wieder liege ich fast immer im Schrank. Der alte Mann ist nicht mehr da. Ich bin jetzt wieder bei einer Frau. Sie holt aber immer nur Akten  aus dem Schrank und hat ihre Fotos im Computer. Was soll denn dieser Unsinn? Da sind die Fotos doch nicht wirklich vorhanden. Wenn der Computer kaputt geht, sind sie weg. Mir vertraut niemand mehr seine Bilder an. Meine Zeit ist vorbei.

Ich habe aber gehört, dass ich inzwischen Nachfahren habe: Fotobücher, von  Menschen am Computer erstellt. Diese Fotobücher sollen so schön sein wie ich in meinen jungen Jahren. Die Menschen nehmen jetzt diese Fotobücher in die Hand und zeigen sie ihren Freunden und Kindern. Die Welt verändert sich. Aber offensichtlich brauchen  die Menschen Fotoalben wie mich - oder Fotobücher.

Wer sonst sollte ihnen auch helfen, ihre Geschichten zu erzählen?